Carneval Verein -Narrhalla- Winkel/Rheingau 1924 e.V.
18 | 09 | 2019
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Kokolores

Das ist mein Rheingau!

Rheingauer erzählen ihre Geschichte - und alle lesen mit!  -Eine Serie des Rhein-Echos-

Helmut Eckert, Winkeler Bub und jetzt Lübecker Bürger.
Helmut Eckert, Winkeler Bub und jetzt Lübecker Bürger.

Die Worschtsupp

 

Der Rheingau ist ein wunderbarer Fleck auf unserer schönen Erde.  Im Rheingau lebt ein besonderer Menschenschlag. Stolz nennt er sich „ Rhoigauer“. Die Meenzer Mundart, mit dem eigenen Rheingauer Zungenschlag,  prägt die Menschen hier. Lange Zeit regierte  der Mainzer Kurfürst mit milder Hand seine Rheingauer. Als  fröhlich und herzlich bezeichnete Goethe den Rheingauer.  Gern verweilte er als Gast der Familie Brentano in Winkel. Er genoss das milde, Rheingauer Klima. 

Der in der ganzen Welt geschätzte und gefragte Rheingauer Woi hatte es dem Dichterfürsten angetan.  Goethes Rheingauer Zeit prägte  ganz sicher sein weiteres  Schaffen!   Über den alten Goethe möchte ich hier nicht erzählen, sondern von einem herzensguten Metzgermeister,  der in der Winkeler Hauptstraße sein Handwerk betrieb. Damals in den  50er Jahren  des vergangenen Jahrhunderts  vergrößerte sich die Einwohnerzahl der Rheingauer Städte und Dörfer.  Heimatvertriebene aus Ostpreußen  und aus Teilen des früheren Kaiserreiches Österreich fanden im Rheingau eine neue Heimat. Es waren tüchtige Menschen, diese „Neuen Rheingauer  Bürger“.  Ich gehörte dazu. 

Ich war damals ein echter Rheingauer Lausbub! Immer hungrig, immer in Bewegung und immer bereit,  mein Rheingau zu erobern.   Meine liebe Mutter musste als Kriegerwitwe vier minderjährige Kinder versorgen. Geld war in diesen Jahren Mangelware. Einmal in der Woche ging meine Mutter zum Metzgerladen.  Sie kaufte meist  100 Gramm, sehr dünn geschnittenen Aufschnitt. So bekam zum Abendbrot jedes Familienmitglied  eine dünne Scheibe Wurst. Am Dienstag  hatte der Metzger seinen Schlachttag. In den Nachmittagsstunden schickte mich Mama in die Metzgerei. Mit einer großen Henkelkanne eilte ich in die Wurstküche des Metzgers. Der große Wurstkessel  zog mich magisch an. Herr Metzgermeister G. empfing mich mit den Worten, hier nimm die große Schopfkelle und füll dir dein“ Dibbsche!  (Damals konnte der Kunde noch beim Metzer kostenlos die “Worschtsupp“  bekommen.) Es war das Brühwasser aus dem Wurstkessel. Hier brühte der Metzger seine Blut- Leber- und Fleischwürste vor dem Räuchern.

Wenn ich mich streckte und reckte konnte ich gerade über den Kesselrand blicken. Die Wurstkelle mit dem riesigen Stiel verlangte von mir alle meine Kräfte.  Redlich bemühte ich mich meine Kanne zu füllen. Eigentlich fischte ich in der heißen Wurstbrühe. Voll Glück leuchten meine Kinderaugen, wenn ein Stück Wurst in der Kelle landete. Metzgermeister G.  schaute meinem emsigen Treiben zu. Los geb dir ebbes mehr Müh, Bub. Do sind noch mehr Brocke zu finne! Dann griff er nach der Kelle und kellte für mich die größten Wurstbrocken. Sag der Mamma en „ Gude“ und jetzt mach dich uff de Wesch. Schlänk`re nit mit de Kann, sunst  gibt’s was hinner die Ohre!

Immer die selbe Sprüch von ihm und immer seine Hilfe beim Worschtfische.  Das meine ich, wenn ich von der Fröhlichkeit und der Herzlichkeit der Rhoigauer erzähle.  Auch durch dieses Kindheitserlebnis wurde der Rheingau für mich zur wahren Heimat. Gerne komme ich in den Rhoigau und immer trage ich in meinem Herzen das ewige Heimweh!

Epilog: Nennen Sie mir bitte eine „Rhoigauer Worstsort“ die mit dem Buchstaben U beginnt….

Der Wurstkessel hatte an der Außenwandung einen großen Ausgießhahn. Herr Metzgermeister G. hätte mir befehlen können, hier meine Kanne sehr schnell zu füllen.  Durch diesen Hahn wären nur ganz winzige Wurststückchen in meine Kanne gelangt. Viele Jahre später erfuhr ich von seinem damaligen Gesellen, dass dieser  eine Wurst in Stücke teilte und diese Brocken in die Brühe geben musste. Ich nenne es Rheingauer Nächstenliebe gepaart mit einem gehörigen Schuss  Rhoigauer Humor!

 Eine weitere Abwandlung dieses „Schenken“ ist der bestehende Brauch im Rheingau, dass der Winzer einer Rhoigauer Heckewirtschaft, das Weinglas seiner Gäste immer bis zum Glasrand  mit seinem Rhoigauer Woi füllt. Lieber Gast, seh mal zu, wie Du nun den ersten Schluck zum Munde führst, ohne einen Tropfen vom Rhoigauer Woi“  zu verschüdde!

Es schließt sich der Kreis und es  lacht der Schalk,  hier lebt der Rhoigauer Humor !

Prost!

 

Hier die Lösung meiner Rätselfrage:  Uffschnitt!

 

Helmut Eckert; Winkeler Bub und jetzt Lübecker Bürger.

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