Carneval Verein -Narrhalla- Winkel/Rheingau 1924 e.V.
22 | 04 | 2019
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Kokolores

Ein wahre Geschichte

Schulbubenstreich mit Geruch und langen Bart.

Das alte Schulgebäude steht noch in Winkel in der Schwarzgasse. Wir waren der Geburtsjahrgang 1940 und die Jungenklasse. Der Schulneubau in Winkel war noch Zukunft. Wir durften in dem altehrwürdigen Klassenraum, zweiter Stock, unser kleines Gehirn beanspruchen. Das Wissen, aus dem Munde und der Kreideschrift des Pädagogen, sollte uns so auf direktem Wege erreichen.

Es war Sommer, die Sonne schickte ihre Wärme durch die großen, weit geöffneten Fenster in unseren Klassenraum. Noch hatte die große Pause nicht begonnen. Vor uns, immer in der Nähe seines alten Stehpultes, bemühte sich die Lehrkraft redlich, unsere Aufmerksamkeit zu erhalten. Damals saßen wir Buben noch in den uralten Schulbänken mit je vier Klappsitzen und vor uns einem Schreibpult, mit tausend eingeschnitzten und mit alter Tinte bemalten Zeichen, Buchstaben und Fratzen. Die Mehrzahl der Schüler schaute durch die Fenster zum Rhein. Von hier öffnete sich unser Blick bis weit auf die „ebbsche Seit“, bis hoch zum Bismarckturm, über Ingelheim. Es war Badewetter! Wir rochen den Rhein. Sauber war er, im Jahre 1953 nicht. Noch konnten, durften wir im Strom schwimmen. Meist hinüber zur herrlichen Rheininsel, unsere Kripp mit viel Sandstellen, Weiden und allerlei Gestrüpp. Ein Paradies wie es selbst ein „Tom Swyer“ nicht besser erleben durfte. In unserer kindlichen Fantasie mutierte jeder Rheinkahn zum Piratenschiff. Wir wurden unentwegt zum Retter der Gefangenen, oder je nach Wunsch, selbst zum blutrünstigen „Rheinräuber.“

Die hellen Wände des Klassenzimmers hatten über viele Jahre hinweg, in schweigender und ewiger Geduld, der vielen Worte der jeweiligen Lehrkräfte, aufgesogen. An diesem Sommertag fehlte uns Schüler diese stille Duldung der Klassenwände. Im hinteren Teil der Schulbankreihen begann mein Klassenkamerad ein kleines Stück Schlauchgummi mit Feuer zu bearbeiten. Das besagte Teil sollte nur etwas glimmen. Erst langsam, dann immer schneller, verbreitete sich ein Brandgeruch im Raum. Nun begann mein Auftritt. Ich riss meinen Arm nach oben, fuchtelte wild herum und erregte somit die sofortige Aufmerksamkeit. Was gibt es so Dringendes, das du jetzt den Unterricht störst. Herr Lehrer. von de annern Seit komme so „chemische Gerüche“ rübber! Auf Kommando begannen einige Schüler auffällig zu husten.  Herr M. schaute kurz auf, schnüffelte die Zimmerluft und erklärte uns: Das kommt bestimmt von der anderen Rheinseite, der chemischen Boehringer Fabrik. Schließt sofort alle Fenster. Die Fenster wurden geschlossen. Nach einigen Minuten husteten alle Kinder.

Herr M. überlegte kurz und schickte uns auf den Schulhof. Er beriet sich mit seinen Lehrerkollegen. Als ihm eine Lehrkraft aus dem unteren Klassenraum diese „Gerüche“ aus dessen Klassenraum bestätigte, war der Unterricht für diesen Tag beendet. Wir nannten es: getrennt schlagen, vereint siegen!

Epilog: Viel, viel später erfuhr ich, dass Herr M. den Trick längst kannte. Er gönnte uns die gewonnene Freizeit von Herzen.  Mein Verdacht. Ihm kam der Schulbubenstreich nicht ungelegen! Er war auch nur ein Mensch. Ehre seinem Andenken!

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