Carneval Verein -Narrhalla- Winkel/Rheingau 1924 e.V.
25 | 09 | 2021
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Steinläuse

Einer meiner vielen Weltreisen führte mich in die unendlichen Weiten des pazifischen Ozeans. Etwas abseits der normalen Schiffsrouten erblickte ich eines Tages eine kleine Insel. Schnell näherte ich mich mit meinem Segelboot. Ohne dass ich es wollte, war ich in Lügetanien gelandet. Auf der Insel lebten freundliche und arbeitsame Menschen. Sie nannten sich selbst Lügetanier und waren stolz auf ihr grünes Eiland. Ihre liebevolle Gastfreundlichkeit erstaunte mich. Schnell hatte ich Kontakt mit diesen braven Einheimischen der Insel. 

Ich begann die Insel zu erkunden. Eine bunte, 1000-farbige Blütenpracht betörten meine Sinne. Gerüche wie aus 1001 Nacht zeigten mir, ich war im Paradies. Am dritten Tag meiner Anwesenheit, konnte ich mich einer kleinen Menschengruppe anschließen. Sie hat mich gefragt, ob ich sie begleiten wolle. Voller Freude sagte ich zu. Ein zweistündiger Fußmarsch brachte uns an das Ziel.

Vor mir erhob sich, umgeben von einem Wall von Palmen, ein mächtiger rundgeschliffener Felsen. Ich schätze seinen Durchmesser auf 30 m und seine Höhe betrug etwa 5 m. Meine Begleiter hatten einen großen Kreis um diesen Felsen gebildet und begannen fröhlich zu singen und zu tanzen. Etwas abseits schaute ich voller Neugier diesem ausgelassenen Treiben zu. Nach einer ganzen Weile setzten sie sich in das weiche Gras und baten mich, ich möge mich ebenfalls zu ihnen gesellen.

Alle diese Menschen, die eben noch fröhlich tanzen und sammeln schauten jetzt andächtig zum Himmel und es herrschte eine andächtige Stille. Alles dies Geschehen überraschte mich. Ich fragte den neben mir sitzenden älteren Mann was dieses alles zu bedeuten hat? Er schaute mir in mein Gesicht und begann zu reden.

Hier ist das Heiligtum der Insel. Hier auf diesem Stein, auf diesem heiligen Felsen leben seit Menschengedenken die Steinläuse. Schon unsere Ahnen achteten und ehrten diese winzigen Lebewesen der Steinwelt. Gehe ein paar Schritte zum Felsen und schaue sie dir an, diese Wundertiere der Natur. Sie sind so winzig klein, dass du sie gerade einmal erkennen kannst. Sie glänzen in der Sonne wie die Sterne am Firmament. Vier Bewohner der Insel pflegen ein freundschaftliches Verhältnis zu diesen Steinläusen. Sie sind unser aller Wohl. Der alte Mann schwieg einen Moment. Genau diese Zeit, die ich benötigte um die zwei Schritte zum Felsen zu gehen um die Steinläuse mir anzuschauen. Was ich erkennen konnte, waren winzige, kristallklare Perlen so klein wie der Mohnsamen. Das also sollen Steinläuse sein? Dunkel änderte ich mich, auf eine botanische Wanderung durch die Appalachen hatte ein Medizinmann des dortigen Indianerstammes Steinläuse erwähnt. Sie seien in seinem Wohngebiet, in ganz Amerika längst ausgestorben.

Ich setzte mich wieder meinen Platz und der alte Mann erklärte mir, er habe in Sydney einst Medizin studiert. Das Heimweh hat ihn zu seiner Insel geführt. Hier hat er sein endliches Glück gefunden. Er wisse genau, dass diese Steinläuse Population die letzte auf der ganzen Welt ist. Einst waren sie über den ganzen Erdball verstreut. Vulkanasche, Unwetter und die Eiszeit taten das übrige um sie überall auf der Welt zu vernichten. Wir sind verpflichtet, diese Tierchen zu schützen. Ihre größten Feinde sind wir Menschen und die Steinbeißer. Fremdling, ich sehe deinen erstaunten Blick. Du hast richtig gehört. Steinbeißer sind etwas größer als die Steinläuse. Sie haben nur drei Beine und wenn sie sich fortbewegen, laufen, bzw. springen sie immer spiralförmig nach vorne. Alle Steinbeißer haben messerscharfe, winzige Zähne, hart wie Diamanten. Sie sind Erdfarben und sie leben unter der Erde. Einen faustgroßen Granitstein können 100 Steinbeißer in einem Tag auffressen. Du hast richtig gehört. Diese Feinde der Steinläuse ernähren sich von Steinen. Noch viel lieber mögen sie Steinläuse als Art Nachspeise verzehren.

Ich staunte immer mehr. Was erzählt mir hier dieser alte Mann? Bindet er mir einen riesigen Bären auf? Wie soll ich das alles glauben? Noch nie hat der Mensch ein Tier gefunden, dass sich von Steinen ernährt. Muss ich das jetzt alles glauben, oder träume ich? Ich wollte meinem Erzähler eine Frage stellen. Doch als ich in das Gesicht des alten Mannes sah, musste ich schweigen.

Du wirst mir sicherlich nicht glauben wollen, begann der Mann zu reden. Die Steinläuse haben eine raffinierte Verteidigungsstrategie entwickelt, um sich gegen die hinterlistigen Angriffe der Steinbeißer erfolgreich zur Wehr zu setzen. Sie produzieren eine Art Milch, die streichen sie ganz dünn auf den Felsen. Zwischen ihren sechs Beinen haben sie eine Milchdrüse, ähnlich wie du sie von der Kuh kennst. Jeder Kontakt mit dieser Körperflüssigkeit der Steinläuse führt beim Steinbeißer zum sofortigen Tod. Es ist im Prinzip nicht das Gift, sondern in dieser Milch befindet sich der Wirkstoff Lüganin. Er dringt unmittelbar in das Gehirn der Steinbeißer. Dort programmiert er die Sinneszellen um und das führt zum schnellen Tod der Steinbeißer.

Wir Inselbewohner nutzen die Milch der Steinläuse, um hier auf der Insel zu überleben. Einmal im Monat, immer in den Vollmondnächten kommen wir hierher, um die Steinläuse zu melken. Für diese Arbeit setzen wir erbsengroße Spinnmilben ein. Es ist Lügata tropika, die ebenfalls neu hier auf dieser Insel gedeiht. Schon vor unendlicher Zeit gelang es unseren Vorfahren diese Spinnen zu dressieren. Wir füllen die Milch der Steinläuse in winzige kleine Fläschchen zu je 10 mg. Die Milch der Steinläuse ist weltweit gefragt. Die westliche Welt kann gar nicht genug davon bekommen. Der Preis bei 10 000 Dollar je 10 mg. Wir ernten monatlich etwa 30-40 mg. Im Inneren der Insel befindet sich eine Landebahn und von dort gelangt die Steinläusemilch in die ganze Welt. Natürlich mussten wir einen marktfähigen Namen finden. Der sollte Bezug auf unser Volk, auf unserer Insel haben und wir nannten sie Lüganin.

Auch die Steinläuse ernähren sich von Mineralien der Steine. Ihr Stoffwechsel ist sehr langsam und 100.000 Steinläuse würden in einem Jahr etwa 100 g Mineralien verzehren. Auf diesem Fels befinden sich etwa 12 hoch 25 Millionen Steinläuse. Das sind mehr Läuse wie Sterne in der Milchstraße. Steinhäuser werden etwa 1000 Jahre alt. Dann stellen sie Ihren sparsamen Stoffwechsel ein und ihre Nachkommen beginnen sie sofort zu verzehren. Das klingt für uns Menschen grausam. Kannibalismus ist gar nicht so selten auf der Welt.

Die Steinbeißer sind für die Steinläuse eine echte Gefahr. Gegen ihre Angriffe sind die Steinläuse gut gewappnet. Die eigentliche, wirklich, große Gefahr besteht darin, dass die Steinbeißer unter der Erde den Felsen, im wörtlichen Sinne, auffressen. Langsam aber sicher, versinkt dieser riesige Stein im Untergrund. In den mündlichen Überlieferungen unserer Vorfahren wird dieser Fels beschrieben, der noch im Himmel die Wolken erreichte. Er muss einst riesig gewesen sein.

Hast du schon einmal von diesem Wundermittel Lüganin gehört? Auf dem normalen, pharmazeutischen Markt wirst du Lüganin nicht kaufen können. Alle Regierungen der Welt haben das Mittel als geheim eingestuft. So geheim, dass nur wenige Regierungsmitglieder informiert sind. Was bewirkt Lüganin bei Menschen? Wie schon bei dem Steinbeißer, klingt die Milch über Hautkontakt sofort in den menschlichen Körper. Es wandert sehr schnell zum Gehirn und befähigt dieses Organ alle Denk- und Speicherprozesse umgehend tausendfach zu beschleunigen. Im Prinzip entsteht ein Supercomputer, ein Supergehirn. Längst haben die großen Politiker der Welt Lüganin bekommen. Leider hält der Wirkstoff nur wenige Tage. Dann schrumpfte das Gehirn und eine erneute Dosis ist erforderlich. Längst können wir den Bedarf nicht decken. So geschieht es, dass 90 % der Politiker oft wochenlang auf eine neue Gabe von Lüganin warten müssen. In dieser Zeit bildet sich ihr Denkvermögen stark zurück. Das ist die wirkliche Gefahr für die ganze Welt.

Wir Inselbewohner sind gegen den Wirkstoff in der Milch längst immun. Wir kennen die Gefahren, welche sich in der Welt ergeben.

Der alte Mann hörte auf zu reden. Er schaute erneut in das Gesicht seines Gastes und dann fragte er ihn. Warum ich dir das alles erzähle? Du bist auf unsere Insel gekommen und ich sah in deinen Augen kein Falsch. Du wirst uns eines Tages verlassen. Dann wirst du das hier erlebte erzählen. Bestimmt der Presse berichten und es glaubt dir kein Mensch. Wiederholst du deine Berichte, so wird man dich verlachen und dich für verrückt erklären. Schweigst du dann noch immer nicht, werden Geheimdienstkreise auf dich aufmerksam und von nun an bist du deines Lebens nicht mehr sicher.

Mit diesen Worten beugte sich der alte Mann noch weiter zu Erde und verharrte schweigend in dieser unbequemen Sitzstellung. Die anderen Menschen im Kreise standen auf und zeigten mir, ich möge ihnen zurück in ihr Dorf folgen. Ich blieb noch einige Tage und Nächte im Ort und wartete sehnsüchtig auf die kommende Vollmondnacht. Ich wollte es mit eigenen Augen sehen, wie die vielen Spinnmilben beginnen die Steinläuse zu melken. Einen Tag vor Vollmond, ich war kurz auf mein Segelboot gewesen, da ereilte mich ein Funkspruch. Meine Anwesenheit in London war dringend erforderlich. Der Börsencrash in New York zeigte seine kapitalistische Fratze. Ich musste sofort die Insel verlassen um in der nahen Hauptstadt der Inselwelt ein Flugzeug nach London zu erreichen.

Natürlich berichtete ich das erlebte. In London suchte ich Kontakt zu einem Redakteur der London Tribüne. Der alte Mann hatte recht.

Jetzt viele Jahre später, bin ich bereit meine Geschichte hier zu Papier zu bringen.

Für euch junge und jung gebiebene Narren zu Papier gebracht von Helmut Eckert; Lübeck 10.09.2021

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