18 | 11 | 2017

Winkler Fassenacht hat Tradition ...

Nach dem gelungenen Start im November beim „Hackes“ kam es zu einem regelrechten Frühlingserwachen unter den Narren. Ein lebhaftes Treiben setzte ein. Was gab es für Besprechungen, da wurden eine Menge Ideen geboren und wieder verworfen, da diese gar nicht zu finanzieren waren. Zum Schluss ergab sich: Es wird ein großes Jubiläum mit entsprechenden Festumzug geben, dazu muss natürlich ein repräsentables Prinzenpaar her, das selbstverständlich ein außergewöhnliches Paar sein muss. Als Prinz konnte man das ehemalige Elferatsmitglied und Bremer Ratskellermeister Wilhelm Basting gewinnen.

Dazu hatte sich die Gräfin Eleonore Matuschka-Greifenklau  bereit erklärt, als Winkler Fastnachtsprinzessin zu fungieren. Einige Winkler zeigten sich recht skeptisch, war ja die gräfliche Familie den meisten nur als „Herrschaft“ bekannt und zweifelte ob in den blauen Adern auch genügend „Närrisches Blut“ zirkulieren werde. Doch es zeigt sich, dass wir ein großartiges Prinzenpaar gekürt hatten. Prinz Wilhelm lief zur Hochform auf, witzig, spritzig und die Prinzessin Eleonore übertraf ihn oft in schlagfertigen urigen Einfällen. Das Paar wurde vom Publikum begeistert aufgenommen. Zwei Sitzungen gehen ausverkauft und bravourös über die Bühne und am Fastnachtsonntag gibt es einen Staatsempfang im Rathaus. (In einem Anschreiben des Bürgermeisters an Herrn Hubernagel geht hervor, dass im Januar 1950 selbst Dekorationsmaterial noch geschrottelt werden musste, weil der Mangel noch lange nicht beseitigt war. Selbst zur Besorgung so belanglosen Flitterkrams bedurfte es eines Mittlers.)  Beziehung war die beste Währung und das A und O über lange Zeit und eine entsprechende Gegengabe durfte natürlich auch dabei sein!

Nach der Schlüsselübergabe im Rathaus schließt sich ein feuchtfröhlicher Empfang im Hause der Prinzessin auf Schloss Vollrads an. Den Höhepunkt bildet der große Festzug, an dem sich alle Winkler Vereine mit Wagen und Fußgruppen beteiligen. Am Abend finden sich schließlich alle zum Ball in der „Rose“ ein.

Bei der Betrachtung all dieser Ereignisse muss noch einmal ein Mann erwähnt werden, ohne dessen Hilfe und vor allem ohne sein Organisationstalent das alles in dieser großartigen Form gar nicht  hätte durchgeführt werden können. Bürgermeister Willi Wiss, da wurden alle Geschäftsleute, Pferde- Fuhrwerks- Autobesitzer angeschrieben. Eine Motorrad-Eskorte gebildet. Immer wieder die einzelnen Ausschüsse zusammengerufen und selbst seinen Gemeinderat hat er mit eingespannt. Wer sich die Mühe macht und die einzelnen Kopien durchliest wird mir Recht geben. Vom Carnevalverein, der ja erst einige Wochen, seit dem 11. 11. auf dem Papier stand, wäre wenig auf die Beine zu stellen gewesen. Drum hat der Name Wiss einen  Platz auf der Ehrentafel des Vereines verdient, denn er hat zur richtigen Zeit den Verein durch seine Hilfe den notwendigen Anschub gegeben und zum Laufen gebracht.

Da ist sie wieder die Erinnerung an die gute alte Zeit. Gut war sie nicht gerade, aber trotzdem schön. Da laufen sie wieder vorbei, die lieben Alten bei’s Brehme Schorch in de „Ros“ zu dem Bühnenaufbau und der Saaldekoration. Da kam der Josef Lay warme Worte und Zigaretten spendend, der Peter mit der Schiffsworscht unter’m Arm und harsche Kritik auf den Lippen, weil ihm die „Fratzegesichter“ zu hoch und die Girlanden zu nieder hingen. Nach einem üblichen Neun- oder Zehnstunden Arbeitstag den jeder der Saalschmücker hinter sich hatte, (40-Stunden Woche lag noch in weiter Ferne, davon konnten wir damals bestenfalls träumen) da kamen die kritischen Anmerkung unseres Peter gerade recht um die Motivation noch zu steigern!  Gustav Gorgus fror fast der Pinsel fest, bevor er zum malen ansetzte. So manche wenig fastnachtlichen Flüche mag der eiskalte Saal da schon gehört haben. Doch wenn Peter die Schiffsworscht anschnitt, zum Brotsparen ermahnte, weil Brot ja so teuer sei, dann war alles wieder im Lot. Der Saal der Rose besaß eine lange Gartenfront mit hohen Fenstern. Sämtliche Scheiben waren durch Artilleriebeschuss der Amerikaner 1945 zu Bruch gegangen und seit diesen Tagen war hier die Welt mit Brettern vernagelt. Entsprechend hatte diese Seite einen wirklich erfrischenden Charme. Dafür gab es auf der Gegenseite einen riesigen Ofen. Man hatte immer die Wahl sich den Hintern zu erfrieren oder zu verbrennen. Man musste also schon eine anständige Portion Humor mitbringen wenn man Humor serviert bekommen wollte. Da muss ja wohl etwas dahinter stecken! Hinter dem Humor! Denn wenn nichts dahinter steckt könnte man dahinter kommen, das kann man eben, oder nicht! Wenn sich alles definieren ließe, könnte man eventuell den „Humor“ verlieren! Kehren wir lieber wieder zu den Aktivitäten der Zeit und  ihren Akteuren zurück. Ein besonders Aktiver der Anfangstruppe soll nicht unerwähnt bleiben der Schriftführer und Hauspoet  Philipp Berg, er war sehr rührig und überaus fleißig, immer um gute Presse bemüht, hat viele seitenlange Lieder verfasst. Leider brachte ihm sein überbetonter Eigensinn auch manche Probleme. Doch ist Philipp Berg neben Willi Wiss die Neu- oder besser Widergründung des CVW zu danken. Für Philipp Berg war die Vergangenheitsbewältigung wie bei manchem anderen das Thema welches uns Jüngere, die aus den Gefangenenlagern zurückkamen weniger tangierte. Dazu kam bei ihm die Liebe zu langen poetischen Höhenflügen im Edelton versunkener Romantik, die öfters weder  vom Publikum noch von den Mitstreitern als das Gelbe vom Ei angesehen wurden. Dennoch war der Philipp trotz seiner Schrullen ein liebenswerter Fastnachter und hat sich besonders um die Widergründung des Vereins und mancher Arbeit im Anfangsstadium verdient gemacht.

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