21 | 11 | 2017

Winkler Fassenacht hat Tradition ...

Der späte Neubeginn des CVW ist sicher auch in der starken fastnachtlichen Tätigkeit aller an deren Ortsvereine zu suchen. Es war durchaus nicht so, dass in Winkel „Tote Hose“ angesagt war. So brachte die Sängervereinigung ihre „Carnevalistische Gesangsstunde“, die Kolpingfamilie wartete mit guten Sitzungen auf, die Arbeiterwohlfahrt und vor allem der Turnverein hatten bald nach Kriegsende im guten alten Saalbau  „Zur Rose“ und im kleinen Saal der Bauernschenke überfüllte Veranstaltungen. Jeder noch so kleine Club oder Verein hatte seine närrischen Treffen in den einzelnen Lokalitäten, die nicht von der amerikanischen Besatzung beschlagnahmt waren. Der Hang zur Maskerade, zum Kostümieren war nach dem Krieg besonders stark. Durch den großen Mangel an Allem entwickelte sich ein Ideenreichtum und eine Kreativität, die in den späteren „Satten Jahren“ leider vielfach verloren ging. Stark vertreten waren die „Großmutter und Schnorrergruppen“ über die ganze Fastnachtszeit. Dies waren wirkliche „Originale“, die durch die Lokale zogen und Sprüche klopften. Die Fastnacht lebte bereits in dieser Zeit auch in Winkel, viel mehr noch als in so manchem Ort des Rheingaues.

Sicher ist es mit der Angst der beiden Hauptmatadoren der Berge-Buwe vor einem eventuellen Misserfolg auch mit zu erklären, dass der Wiedereintritt des ehemaligen „Rheinbankbund“ in das Rampenlicht des fastnachtlichen Winkels so spät erfolgte.
Wie schon erwähnt war es der Bürgermeister Wiss der hierbei sehr aktiv wurde. Sicher hat auch Philipp Berg das seine dazu beigetragen, dass der Heimatverein, die Vereinsvorsitzenden und etwaigen Interessierten am 23. Juli 1949 zu einer Besprechung ins Hotel Merscheid einlud. (Siehe: Anschreiben des Bürgermeisters an Herrn Lay, dem damaligen Vorsitzenden des Heimatvereins am 21.07.1949) Im Vorfeld hatte es dazu eine Reihe von Gesprächen gegeben und die Wiederaufnahme karnevalistischer Aktivitäten wurde ohne großes Primborium durch die Wahl der alten, und einigen neuen Elferräte über die Bühne gebracht. Auftakt der neuen Ära sollte eine närrische Sitzung im Hotel Merscheid sein. Fein aber auch recht klein war der Saal beim „Hackes“ damals, bescheiden waren die Abmessungen (einige wesentliche Umbauten zur Erweiterung wurden erst später vorgenommen), entsprechend enge Verhältnisse waren somit vorprogrammiert. Da es ja besonders närrisch zugehen sollte, war es zwingend, den Elferrat erhöht zu platzieren. Dazu wurde ein Podium benötigt, eben jene Bretter die die Welt bedeuten!

Dank der Währungsreform gab es wieder fast alles zu kaufen mit einem kleinen aber bedeutsamen Hacken an der Geschichte, es fehlte das nötige Kleingeld. Folglich war Improvisation angesagt. Ein freundlicher Tünchermeister lieh dem wiedererstanden Verein, der eigentlich außer dem ernannten Elferrat noch gar nicht existierte, einige Maurerdielen. Die Firma Ohlig steuerte einige leere Weinkisten für den Unterbau hinzu. Alles in allem war es eine recht wackelige Angelegenheit. Das Ganze wurde mit reichlich Krepppapier garniert, dessen krönender Abschluss bildeten einige vergilbte Girlanden aus der Vorkriegszeit. Wir närrischem Elfer waren gehalten, uns nicht allzu heftig der Schunkelitis hinzugeben da sonst die Gefahr bestand, dass Tisch und Elferrat ins Publikum geflogen wären. Den einsamen Höhepunkt fastnachtlicher Dekoration bildete das „Emblem“ der ehemaligen Rheinbankbündler, dieses Werk zierte die Mitte des Elferatstisches. Jenes ominöse Etwas hat uns damaligen Jung- oder Neunarren oft bis in den Schlaf verfolgt, denn unser lieber Kanzler Peter konnte unsere Nerven reichlich genug strapazieren. Zum Glück fand sich das gute Stück in irgendeinem Schuppen und der Seelenfrieden war gerettet. Die fehlende Bütt besorgte Hermann Becker sen. von der Kolpingfamilie und so konnte nun die „ Fasenacht eroi gelosse wer’n“!

Heute, wo ich die Erinnerung zu Papier bringe, in einer Zeit, die uns den Carneval von Rio via Bildschirm in die letzten Winkel katapultiert, die Profitfastnachter dutzendweise ins Wohnzimmer purzeln und die prunkvollsten Dekorationen Laser überstrahlt gerade noch für allerletzte Heuler gut sind, da wandern die Gedanken schon mal zurück in eine Zeit als die 48 Stunden Woche noch zu den Illusionen zählten, die Kartoffel im Keller und Kohlen für den Winter immer noch höchste Priorität für die Meisten besaß. Damals war Zeit noch jenes ganz besondere  Gut das man dem Verein schenkte. Denn Groß war die Zahl der Helfer noch nicht, die zur Mithilfe, zum arbeiten nach Feierabend bereit waren und der Dank ja immer nur aus paar warmen Worten und einen Händedruck bestand. Dafür gab es deren mehr Leute, die so manchen unnützen Rat bereitwilligste gaben, in der tätigen Mitarbeit dafür aber weniger freigebig waren! Unsere Altvorderen zeigten sich dazu noch besonders fortschrittlich, vorausgesetzt wir hielten uns an die Regeln und es blieb alles beim Alten.

So starteten wir mit geliehenen Kappen, mancher auch mit geliehenem schwarzem Anzug in die neue Zeit der wiedererwachten „Narrhalla“. Es wurde ein gelungener Abend,  Peter Berg mit seinen mundartlichen Kapriolen, Heinz Kloos, in seiner sprühenden Spontanität, und alles überragend die politischen Glossen Joachim Gehrigs, der als Neuling auf der Winkler Bühne mit seinen geschliffenen Versen und in exzellenter Rhetorik alles in den Schatten stellte. Dazu wurde dank des Allzweckreimers Philipp sehr lang und reichlich gesungen. Die vierstrophigen Ergüsse unseres Dorfpoeten wurden von der Versammlung Schicksalsergeben geträllert. Rund um frohe Gesichter zeigten:  „Ein guter Start des CVW“ in die Winkeler Fastnacht war den Akteuren gelungen! Waren wir doch noch ein Carnevalverein ohne Gebrauchsanweisung!

ALL-INKL.COM - Webhosting Server Hosting Domain Provider